Dies ist ein Thesenpapier an dem die BAG EJSA mit anderen Partnern gearbeitet hat zum Thema Digitalisierung.
Das Thesenpapier steht hier und im Downloadbereich als Download zur verfühgung.
 
 
Netzwerk „Sozialer Zusammenhalt in digitaler Lebenswelt“
Thesen für ein gemeinsames Handeln
Stuttgart, 9. Februar 2017

These 1: Die digitale Transformation ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung

Die digitale Transformation der Wirtschafts- und Arbeitswelten zieht einen ganzheitlichen Wandel
der Lebenswelten nach sich. Dieser Wandel stellt nicht nur ein Technik- oder Wettbewerbsthema
dar. Die digitale Transformation bildet eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung und benötigt
eine selbstbewusste, gestaltende Antwort der Zivilgesellschaft. „Industrie 4.0“, „Arbeit 4.0“, „Hand-
werk 4.0“, „Mittelstand 4.0“, „Verwaltung 4.0“ betreffen nicht nur Betriebe, Werkstätten und Büros.
Sie betreffen alle Bürgerinnen und Bürger. Alle Bürgerinnen und Bürger sind einzuladen, sich an der
Gestaltung dieses Wandels zu beteiligen.
 

These 2: Soziale Innovationen sichern die Nachhaltigkeit des Wandels

Wirtschaft und Technik leiten einen Wandel von Beruf, Arbeit und Freizeit ein. Dieser Wandel benö-
tigt in demokratischer, sozialer, kultureller, rechtlicher, ökologischer und ökonomischer Hinsicht
Nachhaltigkeit. Diese Nachhaltigkeit ist erst zu erreichen, wenn soziale Innovationen, soziale Stan-
dards, demokratische Rechte und gesellschaftspolitische wie auch strukturelle Maßnahmen diese
Nachhaltigkeit absichern. Schritte zur Förderung des sozialen Zusammenhalts müssen aktiv weiter
entwickelt werden.
 

These 3: Technik muss dem Menschen dienen

Die digitale Transformation der Wirtschafts- und Arbeitswelten verändern das Verhältnis von Mensch
und Technik. Technik muss dem Menschen dienen. Der Mensch darf nicht der bloße Assistent digi-
taler Technik werden. Eine durch Digitalisierung und Virtualisierung sich wandelnde Zivilgesellschaft
benötigt einen öffentlichen und beteiligungsorientierten Diskurs über moderne Ethik und die Stellung
des Menschen in technikgestützten Lebenswelten. Die Zivilgesellschaft benötigt für die positive Nut-
zung neuer Techniken eine vorausschauende, integrierte und partizipative Technikbegleitforschung
gegenüber dem Einsatz autonomer Software-Systeme. Notwendig ist eine aktive präventive Tech-
nikfolgenabschätzung.
 

These 4: Privatheit muss geschützt werden, sie ist ein wesentlicher Baustein der Demokratie

Die Anwendungen neuer digitaler und virtueller Werkzeuge in Beruf, Arbeit und Lebenswelten beein-
flussen das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit. Um die Vorteile der Digitalisierung für die
Gesellschaft absichern zu können, benötigen Bürgerinnen und Bürger eine Stärkung ihres Rechtes
auf informationelle Selbstbestimmung, einen intensiveren Schutz der Privatheit, einen umfassenden
Daten- und Identitätsschutz. Der Schutz der Privatheit ist ein wesentlicher Baustein des Fundaments
der Demokratie.
 

These 5: Zugänge der Bürgerinnen und Bürger zu Bildung, Beruf und sozialer Infrastruktur sind
zu bewahren

Der Prozess der digitalen Transformation der Arbeits- und Lebenswelten verändert die Zugänge und
die Zugänglichkeit der Bürgerinnen und Bürger zu Wissen und Bildung, Beruf und Einkommen, sozi-
alen Dienstleistungen und Infrastrukturen. Der Wandel vermindert einerseits Barrieren, lässt aber
andererseits neue entstehen. Die wachsende Unübersichtlichkeit und Abstraktion, die zunehmende
Geschwindigkeit und Komplexität sowie die abnehmende Nachvollziehbarkeit wirken sich für viele
Menschen wie neue Zugangsbarrieren aus. Bürgerinnen und Bürger sowie die zivilgesellschaftlichen
Akteure sollen in die Findung sozialer Innovationen, in die Entwicklung und Einführung neuer Tech-
nologien beteiligungsorientiert einbezogen werden, um Gefahren der Ausgrenzung, der Geschlech-
terungerechtigkeit und der möglichen digitalen Spaltung zu vermeiden. Frühzeitige Beteiligung kön-
nen sozialen Zusammenhalt, Integration, Selbstbestimmung, Identität in der Virtualität, persönliche
Autonomie, Solidarität und Inklusion erleichtern.
 
 
These 6: Veränderte Berufsbiographien benötigen neue Regelungen der sozialen Absicherung

Die voranschreitende digitale Transformation verändert Berufsbiografien und führt immer häufiger zu
unfreiwilliger individueller Selbstständigkeit und Erwerbslosigkeit. Um soziale Brüche und Gefahren
prekärer Lebensphasen zu verringern, bedarf es dringend neuer gesellschaftlicher Übereinkünfte
und sozialstaatlicher Regelungen zugunsten sozialer Standards für Freelancer und Crowdworker.
Wir brauchen in einer digital handelnden Gesellschaft neue sozialstaatliche Anstöße für die soziale
Absicherung von Erwerbssuchenden und Langzeitarbeitslosen. Dabei kann aus der Diskussion um
das bedingungslose Grundeinkommen gelernt werden.
 
 
These 7: Neue Lernkulturen sollten zu selbstbestimmtem Leben ermutigen

Die zunehmende Digitalisierung und Virtualisierung der Lebenszusammenhänge in Beruf, Lebens-
phasen und Freizeit stellt die Zivilgesellschaft vor die Herausforderung, neue Lernkulturen zu schaf-
fen, die sich an die Lebenslagen anpassen und lebensphasenorientiert ausgelegt sind. Diese Lern-
kulturen sollten zu selbstbestimmtem Leben ermutigen und lernförderliche Bildungswelten in Schule
und Berufsschule sowie in der Erwachsenenbildung stärken. Dabei sollten nicht das technische
Werkzeug oder die technische Infrastruktur das Zentrum bilden, sondern das begleitende Lernen in
kollegialer Gemeinschaft, das erst im Nachhinein mit Assistenzlösungen unterstützt wird. Der sich
beschleunigenden Virtualisierung von Bildung und Weiterbildung muss eine Aufwertung der persön-
lichen Begegnung und der Wiederverortung des Lernens folgen.
 

These 8: Eine klimagerechte Anwendungsstrategie der Digitalisierung wird dringend benötigt

Die neuen digitalen Technologien können zu mehr Material-, Ressourcen- und Energieeffizienz in
Wirtschaft und Arbeitswelt, im städtischen Zusammenleben, in Mobilität und Verkehr, in Freizeit und
Wohnumgebung beitragen. Ohne die modernsten Informationstechnologien und ohne die „intelligen-
ten“ digitalen Werkzeuge wird das gemeinsame Klimaschutzziel nicht erreicht werden können. Um
aber dem Ziel mit Hilfe dieser Techniken erfolgreich nahezukommen, bedarf es einer klimagerechten
Digitalisierungs- und Anwendungsstrategie. Diese ist gerade für die Entwicklung von Städten und
Gemeinden unabdingbar.
 
 
These 9: Benötigt werden Netzwerke zivilgesellschaftlicher Akteure – nicht nur in Baden-Würt-
temberg

In einer gemeinsamen Anstrengung haben die baden-württembergische Landesregierung, Vertreter
von Wirtschaft, Gewerkschaften, Verbänden, Kammern und Forschungseinrichtungen im Frühjahr
2015 das Netzwerk „Allianz Industrie 4.0 Baden-Württemberg“ gegründet. Diesem – vor allem auf
technische Innovationen ausgerichteten Netzwerk – sollte ein offenes und öffentliches Netzwerk zi-
vilgesellschaftlicher Akteure, Kirchen, Verbände und Initiativen zur Seite stehen. Ein solches Netz-
werk soll den begonnenen Zukunftsdialog des Landes erweitern, soll für gesellschaftliche und sozia-
le Innovationen eintreten. Ein solches Netzwerk soll Impulse für demokratische Beteiligungen, für
Chancengleichheit und Gleichberechtigung, für Zugänglichkeit und soziale Standards, für Bildungs-
chancen und unterstützende Jugendarbeit, für den Schutz der Privatheit und Verbraucherschutz, für
eine Kultur der Selbstbestimmung und Autonomie, für lebensphasenorientiertes Lernen und den Er-
werb von Komplexitätskompetenz, für Integration und Inklusion, für Klimaschutz, Open Government
und für die Stärkung des ländlichen Raumes geben.

Die Unterzeichnenden schlagen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Fachtages „Arbeit 4.0
und Gesellschaft 4.0?!“ in Stuttgart am 9. Februar 2017 die Gründung eines zivilgesellschaftli-
chen Netzwerkes „Sozialer Zusammenhalt in digitaler Lebenswelt“ vor. Die vorgelegten Thesen
mögen den Dialog beflügeln.

Redaktion der Thesen: Hans-Henning Averbeck, Günter Buck, Romeo Edel, Karl-Ulrich Gscheidle,
Olaf Kierstein, Klaus Kittler, Matthias Kneißler, Albrecht Knoch, Joachim Rindsfüsser, Welf Schröter,
Karin Uhlmann. (Stand 7. Februar 2017)
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